Wir waren die beste Zeitung - leider fehlten uns die Leser!

Das "Blatt" und die "Courage" sind tot, die "Karlsruher Rundschau" gibts Nicht mehr, der "Freiraum" ist beschlagnahmt und uns gehts auch nicht gut. In unserem letzten Editorial kommentierten wir das Hinscheiden der "radikal" mit der Feststellung: "es ist verdammt schwer, ein Blatt zu machen, was entweder nur konsumiert wird oder nur zur Nabelschau einiger weniger dient". Die "Karlsruher Rundschau"', eine seit Anfang 83 erscheinende Wochenzeitung, meint hierzu in ihrer letzten Nummer: Die rund 80.000 Gewerkschafter, die 2500 Sozis oder die Grünen, die es in Karlsruhe auf runde 12.000 Stimmen brachten, die Friedensfreunde oder andere, sie alle dankten es der "KR" nicht, daß sie sich ihrer Themen angenommen hatte. Nicht einmal 10% davon hätten dem Wochenblatt das Überleben gesichert. Die vielen kleinen linken Szene-Blätter - alles Blätter der Szene? Die Frauenzeitung "Courage", immerhin schon im 9, Jahrgang, stellte ihr Erscheinen ein. Wegen ideologischer, organisatorischer und vorallem (daraus resultierender?) finanziellen Schwierigkeiten. Sophie Behr bringt es auf den Punkt: "Die Arbeit mit den anderen Frauen hat mir nicht genug Spaß gemacht, um völlig unbezahlt geleistet Zu werden." Und Regina Kramer: "Die Arbeit kommt mir vor, als starte ich bei einem Leichtathletikkampf zum 500Meter-Hürden-Rennen. Alle tragen Spikes, bloß ich nicht. Und wenn ich dann zum Schluß durchs Ziel taumel, mache ich mir Vorwürfe, daß ich nicht gewonnen habe, obwohl ich Hürdenlauf doch So liebe und viel radikaler und bewegter gelaufen bin als die anderen Vereine." Nach 11 Jahren hat es nun auch die älteste Stadtzeitung Deutschlands erwischt: das Münchner "Blatt", das in seiner besten Zeit mit einer Auflage von 17.000 erschien. Die Marktsituation habe sich verändert, stellte Artbart in der letzten Nummer dieses famosen "Blattes" fest. "Nur gab es jetzt schon ein paar mehr Zeitungen, die in München den gleichen Service anboten. Kleinanzeigen und Veranstaltungskalender waren nicht mehr BLATTMonopole, und die politischen Inhalte reichten gerade noch für die Leser, die das Blatt im letzten Jahr noch gehabt hat. Zuwenig um zu überleben." Glitzermagazine wie das "Gücklech", leicht verdaulich, mit breitgefächertem Serviceteil brachten das fertig, was der Staatsanwaltschaft in 11 Jahren nicht gelungen war. Letztere schlägt immer noch hemmungslos auf die Überreste einer "linksradikalen" Öffentlichkeit ein: Der "Freiraum", die Zeitung der Anarchistischen Föderation Südbayerns, wurde am 20.6. beschlagnahmt. Herhalten mußte dafür der $353 StGB: "der Abdruck des Einsatzplanes auf Seite elf verstößt gegen das Urheberrecht".

Die Staatsbüttel durchsuchten auch das Bielefelder Arbeiterjugendzentrum, um die Druckplatten des Szenenblattes "bis heute" zu beschlagnahmen. Man rechnet dort jetzt mit einem Verfahren nach §129a (kriminelle Vereinigung). Fazit: Vom letzten großen Zeitungstreff, eingeladen von der Berliner "radikal", kamen wir mit dem Ergebnis nach Hause, "daß der Klüngel mit seinen ewigen Finanzsorgen längst nicht alleine ist und gegenüber anderen Zeitungen, die gar 5-stellige Schuldenbeträge haben, sogar noch ganz gut ausSieht. Einig waren sich die meisten darüber, daß das Bedürfnis der einzelnen Bewegungen nach einem gemeinsamen (Kommunikations-) Organ, das nicht nur konsumiert, sondern auch genutzt und vertrieben wird, lange nicht mehr so existent ist wie noch vor einigen Jahren. Ob nun in Stuttgart, Freiburg, Berlin oder Dortmund - die Bewegungen, durch die unsere Presse hervorgebracht wurde, sind schwächer geworden." Im November 82 fragten wir noch im Editorial: "wo ist unser Platz zwischen Guckloch und Regenbogen, zwischen Entrüstung und Lawine?" Die Entrüstung gibts inzwischen nicht mehr, die Lawine kommt nur noch mit Ach und Krach alle 2 Monate, um den Regenbogen ist es auch stiller geworden — nur das Guckloch glitzert noch vor sich Binz. "Die Berührungsangst vor der Scheiße ist ein Luxus, den sich ein Kanalarbeiter nicht erlauben kann."

Aufwiederlesen, euer Bettelkerl

Ausgabe #85
Juli 1984
38 Seiten
Dieser Artikel ist auf Seite 13
Wortanzahl: 654

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