U-Bahn gegen Behinderte, Behinderte gegen U-Bahn

Man soll die Feste feiern wie sie fallen. Das dachte sich sicher auch der Bürger, als er von der Eröffnungsfeier der S- bzw. U-Bahn am 2.6. in Dortmund erfuhr. Wir, das heißt, Leute aus verschiedenen Krüppelgruppen, wollten diesen Anlaß nutzen, um auf die, anch unserer Meinung bewußte Aussperrung von Teilen der Bevölkerung aus dem öffentlichen Personennahverkehr aufmerksam zu machen. So trafen sich also die Ersten schon ab 8.30 Uhr an der Ecke Hansmannhaus. Doch schon bald erfuhr man, welche Aktivitäten unsere kleinen grünen Männchen (Ordungshüter) entwickeln können. Sie fingen an, uns in Gespräche zu verwickeln, versicherten hin und wieder ihre Solidarität (in väterlichem Ton), meinten jedoch zum Schluß: Liebe Protestler, sie können ihren Protest gerne kundtun, jedoch nur anhand von Plakaten, das Mitführen von Megaphonen ist nicht erlaubt. So zogen wir also zu unserem Zielort. Einige gingen in die Vorhalle der UBahn-Station, andere versuchten von außen einen der vielen Eingänge zu blockieren. Wir machten die Passanten durch Flugblätter und mündliche Mitteilungen mit den übriggebliebenen Megaphonen (einige waren inzwischen schon eingesammelt worden) auf die Probelmatik aufmerksam. Wir versuchten jedoch auch, einige Stellen in der Halle zu blockieren, was durch die übergroße Anzahl der B.. und Passanten verhindert wurde. Ich selbst versuchte mit meinem Elektro-Rollstuhl direkt vor die Treppe, die zur U-Bahn hinunterführte, zu fahren. Ich wurde jedoch von einem Zivil-B.. daran gehindert, mit der Begründung, er habe ein Recht dort (mir genau im Weg) stehen zu bleiben und er sehe nicht ein, zur Seite zu gehen. Er blieb bei seinem Standpunkt, trotz mehrmaliger Erklärung, daß ich vorbei müsse. (Wenn ein Zivil-B.. das Recht hat, eine Krüppel bewußt zu behindern, so frage ich mich warum ein Krüppel nicht das Recht hat, auf absichtlich bestehende Barrieren zu reagieren, ohne daß er radikalisiert wird, oder daß behauptet wird, er werde von sogenannten linken Gruppen gesteuert. Man spricht ihm also das Recht, bzw. die Fähigkeit ab, selbst denken bzw. handeln zu können.)

Doch das war nicht alles. Für mich wurden Anzeichen von nazistischen Handlungen bemerkbar, als ich z.B. sah, daß Passanten sich rücksichtslos durch die Menge drückten und drängten mit dem bewußten Risiko, andere zu verletzen (in die Seite stoßen, schubsen, andere Passanten auf Rollstühle zu drücken). Dies ging soweit, daß man Rolstühle einfach hochhob (derjenige der drin saß, ging voren über) und einfach wieder fallen ließ. allein zu dem Zweck, sich freie Bahn zu verschaffen. Aber wer kann ihnen das verdenken, wo doch die U-Bahnfahrt zur Eröffnung umsonst war. Aber auch unsere kleine grünen Männchen werden immer aggressiver und versuchen strategisch vorzugehen. So wurde einigen von uns, welche den Eingang von außen blockierten gesagt, der Eingang würde heute gar nicht mehr aufgemacht. Daraufhin verließen sie den Eingang mit dem Gedanken, uns in der Halle zu helfen. Als jedoch der Ausruf eines B.. ertönte: "Strategie ist aufgegangen!" und der Eingang geöffnet wurde, blockierten sie erneut den Eingang, was den B.. Arbeit brachte. Denn als die Aufforderung zum Räumen nicht befolgt wurde, trugen sie z.B. einen von uns zu viert weg (zwei hinten, zwei vorne, ein E-Stuhl ist halt schwer). Den anderen erging es übrigens ähnlich. Aber auch drinnen waren die B.. inzwischen nicht untätig. Ein Ziviel-B.. stellte sich mit einem ofenen Messer in die Menge und schnitt das Kabel des Megaphons durch, durch das gerade gesprochen wurde (normalerweise bezeichnet man so etwas als Sachbeschädigung). Als wir jedoch trotzdem weiter unseren Protest äußerten, powerte man die Tam-tam-Musik (Blasmusik) und die Reden der offiziell geladenen Gäste voll durch die Lautsprecher der Halle. In diesen Reden erfuhr auch ich Dinge, welche mir bisher nicht bewußt waren. So wurde z. B. von 0B Samtlebe gesagt, er würde sich um ein behindertenfreundliches Dortmund bemühen und man solle sich die U-Bahn einmal ansehen, man könne sich ein Beispiel daran nehmen. Für die Behinderten gebe es ja Sonderfahrdienste. Man (wir) hätte also überhaupt keinen Grund, dort in der Halle zu demonstrieren.

Wenn man diesen Artikel als Außenstehender liest, so hat man vielleicht die Argumentation im Hinterkopf, mit Aggressionen und Wut käme man nicht weiter, sondern nur durch sachliche Auseinandersetzung mit der Problematik. Bevor man diesen Artikel  jedoch an diesen Punkten kritisiert, sollte man nicht außer Acht lassen, daß seit rund 10 Jahren von Behindertengruppen auf die Problematik aufmerksam gemacht worden ist. Das zeigt, daß die Probelmatik hinreichend bekannt war und ist.

Nun könnte man argumentieren, daß das ganze eine finanzielle Sache ist und daß die AusSperrung nur eine kleine Minderheit betrifft. Dazu ist zu sagen, daß eine Rolltreppe mindestens genauso teuer ist, wie ein Aufzug. Weiterhin muß man sehen, daß Gelder an anderer Stelle (siehe 1100 Jahresfeier Dortmund) effektiv verschwendet werden. Die Minderheit beläuft sich in Dortmund auf ca 100.000 Bürger und setzt sich zuSammen aus vorrübergehend Kranken, Gehbehinderten, alten Menschen, Vätern und Müttern mit Kinderwagen, sowie Rollstuhlfahrern. 100.000 Menschen, das sind ca. 17% der Dortmunder BevölS kerung. Auch könnte man argumentieren, Se daß es keine Beispiele für behindergibt. Aber auch das ist falsch, werden doch z.B. in der BRD behindertengerechte Busse gebaut, welche in der Nähe von Stuttgart und Heidelberg eingesetzt sind, aber auch in die USA, nach Frankreich oder in die Schweiz exportiert werden. Es gibt von der Firma MAN z.B. einen behindertengerechten Bus, welchen man in Schweden für das gesamte Verkehrssystem einführen will. Auch hört man häufig die Argumentation, das es Sonderfahrdienste gibt. Tatsache ist jedoch, daß wir (z.B. Rollstuhlfahrer) nicht fahren können wann wir wollen und so oft wir wollen. Im Dortmunder Sonderfahrdienst kommen auf mehr als 900 Fahrberechtigte im Monat 1000 Fahrten. Das bedeutet, für jeden Berechtigten im Monat rund eine Fahrt. Unter diesen Aspekten wird vielleicht klar, daß der Umbau der öffentlichen Verkehrsmittel a) billiger, b) menschlicher und somit besser wäre. Zum Schluß noch eine Information am Rande. Am 29.5. fand der AK "Der behinderte Mensch" in Dortmund statt (es ging u.a. um die Probelmatik öffentlicher Verkehr, bzw. Fahrdienste für Behinderte), wozu auch Herr Schlatmann (Abteilungsleiter beim Stadtbahnbauamt, zuständig für die Ausrüstung der U-Bahn) eingeladen war.
Dieser wurde auf eine seiner frühren Aussagen (alte Leute sowie Väter und Mütter mit Kinderwagen sollten nur mutiger sein, dann würden sie es mit den Rolltreppen schon schaffen) angesprochen, worauf er erwiederte, er stünde heute noch dazu, denn der glaube, daß Behinderte gerade im öffentlichen Verkehr am meisten und am ehesten mit ihrer Behinderung konfrontiert würden. Als man ihn jedoch auf die technischen Möglichkeiten ansprach, erwiderte er, wenn man ihn als Ingenieur frage, so würde er sagen, daß technisch alles möglich ist. "Die U-Bahn ist ein Gemeinschaftswerk aller Dortmunder." (OB Samtlebe 1975 zum 2. Informationstag über die Stadtbahn.)

Marion

Ausgabe #85
Juli 1984
38 Seiten
Dieser Artikel ist auf Seite 10 bis Seite 11
Wortanzahl: 1301

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