Dorstfeld Süd - Stochern im Dreck

Dorstfeld-Süd ist verseucht, und die Stadt hat's gewußt. "Augen zu, und hoffen, daß es gutgeht" Nach dieser Devise hat die Stadt Dortmund vor fünf Jahren das Gelände der ehemaligen "Zeche Dorstfeld II/III" zu Bauland erklärt. Als "Industrie- und Gewerbefläche" hatte die Stadt das 18 Hektar große Gelände nach der Schließung der Zechenanlagen im Jahre 1963 für 25 Mark pro Quadratmeter von der Harpener Bergbau AG gekauft. Als "Wohn -Siedlung Dorstfeld-Süd" verscherbelte sie es 1980 für 90 Mark je Quadratmeter an einkommenschwache und kinderreiche Familien.

"Dorstfeld-Süd" ist kein bedauerli-cher Betriebsunfall. Mindestens eine Handvoll Schlüsselfiguren in diversen städtischen Ämtern und in den verschiedenen politischen Entscheidungsgremien haben gewußt, daß zur Zeche Dorstfeld zeit ihres Bestehens auch Kokereianlagen gehörten. Und in Kokereien fällt nun mal der ganze giftige Scheißdreck an, der sich heute in den Vorgärten der schmucken SiedlungsHäuschen wiederfindet. In und um die Koksöfen selber, in Benzolreinigungsanlagen, in den verschiedenen Fabriken zur Weiterverarbeitung der anfallenden Kohlewertstoffe, und nicht zuletzt in den verlassenen Becken der zu den Fabriken gehörenden Kläranlagen.

Wer was genau gewußt hat, läßt sich (noch) nicht zweifelsfrei sagen,und schon gar nicht beweisen. Aber daßdie Verseuchungen bekannt waren, stehtnicht nur für Hans-Dieter Kaminskifest. Er wohnt in der Wetterstraße undist einer Hauptbetroffenen und zu-gleich Sprecher der "Arbeitsgemein-schaft Dorstfeld-Süd". Wer sich auch nur ein bißchen in die Hintergründe dieses Umweltskandals hineinbegibt, kann zu gar keinem anderen Schluß kommen, als daß die Leute in DortsfeldSüd im vollen Bewußtsein auf eine chemische Zeitbombe gelockt wurden.

weshalb hat z.B. die Ritter-Brauerei es Anfang der siebziger Jahre vorgezogen, in Lütgendortmund, statt wie geplant in Dorstfeld zu bauen? Schon damals wurden auf dem verseuchte Gelände Bodenproben genommen. Weshalb lief die Taktik der Stadt vom ersten Tag an, als die Kaminski's noch nichts genaues ahnten undiemlich derbem Gestank in der Nase vermuteten, "daß irgendetwas nicht stimmt", auf Abwiegeln, Beruhigen, Totstellen und bewußtes Lügen hinaus? Da haben wohl so einige Leute fürchterliche Muffensausen gekriegt. Bis auf den heutigen Tag hat sich an dieser Taktik nichts geändert, sie ist lediglich um die Komponente "verschleppen und Zeit gewinnen" erweiter worden.

Zum Beispiel Willi Steinbach, in Dortsfeld- Süd liebevoll-bissig "Raupen-Willi" genannt. Willi Steinbach ist Bezirksvorsteher für den Bezirk Innenstadt-West und war ein einziges Mal, Ende 82, bei Hans-Dieter Kaminski, Diesem war seit anderthalb Jahren immer, wieder übelriechendes Gas in die Nase gestiegen, zuletzt aus der Baugrube für seine Garage. Versuche, an die Ergebnisse einerersten Bodenanalyse aus dem Sommer 81 zu gelangen, waren von der Stadt, zum Teil unter massiven Drohungen eines gewissen Alfred Hansemann (wie passend ey!) aus dem Amt 24, immer wieder abgewehrt worden. Raupen-Willi nun, nach einer kurzen Riechprobe am Ort des Geschehens: "Der Boden ist verseucht, der muß weg!"

Zu dieser Zeit waren schon die ersten Hinweise auf eine Verseuchung des Bodens durch Kokerei-Stoffe aufgetaucht. Raupen-Willi dann wenig später:"VerSeuchungen kann es hier gar nicht geben. Kokerei? Ich weiß von nix, werde aber alles tun..." Sprach's, verschwand, und ward nie mehr gesehen. Erst aus einem Zeitungsbericht ein halbes Jahr später erfuhr die Arbeitsgruppe rein zufällig, daß Willi Steinbach 15 Jahre auf der Zeche Dorstfeld garbeitet hat, Betriebsratsvorsitzender war und Maschinist gewesen ist. Raupen-Willi ist dabei sicher nurdie Spitze des Eisberges, und in denArchiven der Stadt dürften sich eine Menge weitere Hinweise auf — zumindest — verantwortungslose Schlampigkeiten finden lassen. "Wir wollen hier raus, und zwar so schnell wie möglich! und wenn uns die Stadt unsere Häuser und Grundstücke nicht freiwillig abkauft, müssen wir eben anfangen, in der Vergangenheit herumzustochern." Klaus-Dieter und Marlies Kaminski und die anderen Leute aus der Arbeitsgemeinschaft glauben nach all den Erlebnissen der letzten drei Jahre an gar nichts mehr und sind So ziemlich zu allem entschlossen. Daß sie dazu auch allen Grund ha-ben, zeigt — mal wieder — der aktuelle Stand der Dinge. Am 14.Juni faßte der Rat einen in der Presse dick gefeierten Beschluß: "Rat einig für schnelle Hilfe und Abwehr weiterer Schäden —Stadt kauft verseuchte Grundstücke im Neubaugebiet Dorstfeld-Süd" (RN, 15.6.)
Dahinter steht jedoch wieder klare Zeitschinderei, mindestens bis über die Kommunalwahlen wollen sie sich retten. Es sollen nämlich erst weitere Untersuchungen laufen und Gutachten angefertigt werden. Und nur die, bei denen sich "im Einzelfall" aufgrund dieser neuen Gutachten "herausstellt, daß eine akute oder chronische Gesundheitsgefährdung vorliegt", erhalten Hilfe. Und zwar zunächst Bodenaustausch, bauliche Maßnahmen usw.", und nur, "soweit Eigenheime endgültig aufgegeben werden müssen", werden die Häuser aufgekauft. Verarschung hoch dreizehn! Was wollen die Verantwortlichen eigentlich noch alles messen und beweisen.

DIE BEWEISE ERMÜDEN DIE WAHRHEIT.

Dazu die Betroffenen in einem Brief an Samtlebe: "Auch weitere Meßprogramme und Gutachten werden das im Boden befindliche Gift nicht beseitigen. Sechsunddreißig bisher nachgewiesene und zum Teil hochgiftige Substanzen werden Sie nie in die Lage versetzen, den Anwohnern eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für gesundes Leben auszustellen: "Ein elementares Grundrecht, auf das jeder Bürger einen Anspruch hat."
Über ihre Rechtsanwältin Wiltrug Rülle-Hengesbach haben 137 Anwohner aus 84 Häusern in Dorstfeld-Süd der Stadt eine letzte Frist bis zum 5.Juli gesetzt. Sollte die Stadt auf ihren Antrag, die Häuser zu kaufen, dann noch immer nicht eingegangen sein, werden sie die Klage einreichen.
Eine spannende und erfreuliche Entwicklung aus den letzten Tagen: Es sieht ganz so aus, als sorge die Stadt selber dafür, daß demnächst fleißig schmutzige Wäsche in Sachen Vergangenheitsbewältigung gewaschen wird: Von der Harpener AG als Vorbesitzerin (früher gehörte der Kram auch schon mal einem gewissen Herrn Flick) hat die Stadt 300 000 Mark für die laufenden Gutachten verlangt, in einem Eilverfahren vor dem Verwaltungsgericht Gelsenkirchen bekam sie dabei zunächst einmal Recht. Außerdem muß die Harpener die Vollisolierung von Kaminskis Haus (ca. 60 000 DM) bezahlen.
Die Harpener wird natürlich mit allen Mitteln dagegen angehen, Sie wäre auch schön blöd wenn nicht.
Denn dahinter stehen ja schließlich noch weitere Forderungen in Höhe von vielen Millionen. Auf die anstehenden juristische Auseinandersetzungen darf man gespannt sein. Denn dabei geht es ganz genau um die Frage, wer wann was gewußt hat, und wo was gepfuscht und vertuscht wurde.

Dorstfeld-Süd: Alle reden von Eigenheimen und von der Siedlung. Aber die alte Zeche umfaßt mehr. Ganz genau da, wo früher die Kokerei gestanden hat, steht heute - na was denn wohl? Der Hannibal. Und gegenüber dem Hannibal, auf der anderen Seite des Vogelpothswegs, stand eine Benzolreinigungsanlage. Sulfta-gelblich gefärbte Bodenschichten fanden sich auch in den Baugruben für die S-Bahn hinter dem Hannibal. Auch hier also nagt's im Untergrund. Aber wo ein Kläger, da kein Richter, oder wie? Ganz enorm Informierte wollen auch schon erste Gerüchte gehört haben, daß der Hannibal eingerissen werden soll.

Ausgabe #85
Juli 1984
38 Seiten
Dieser Artikel ist auf Seite 17 bis Seite 18
Wortanzahl: 1294

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