Die Dortmunder Theaterszene lebt

Wo die Zeiten für den Großteil der Bevölkerung immer schlechter werden, die politische Großwetterlage zunehmend härter, und der Wind gerade Linken stürmischer denn je ins Gesicht bläst, da wird Theatermachen scheinbar wieder ganz einfach. Inhaltlich, versteht sich, über äußere Bedingungen reden wir später. Ist es nicht so? Der Stoff liegt auf der Straße, man braucht ihn bloß aufzugreifen. Sprüche eines Helmut Kohl oder Heiner Geißler sind Kabarett an sich, man braucht nur noch zu zitieren. Von Jupp Derwall ganz zu schweigen. Wie bezeichnete doch neulich Lore Lorenz, eine der "etablierten" und zugleich eine der ältesten deutschen Kabarettistinnen, die Bonner Regierung hinsichtlich ihrer Bedeutung für die bundesdeutsche Kabarettszene: "Harte Konkurrenz!".

Auch beim zweiten Festival der freien Dortmunder Theatergruppen war das nicht anders. Kohl, Wörner, Lambsdorf, Thatcher und Reagen bekamen mächtig ihr Fett ab. Deutsche Klein- und Spießbürger auch. Und natürlich die "Szene". Wieso allerdings Angelegenheiten wie Pseudo-Krupp, Bodenverseuchung in Dorstfeld und Mengede, die UBahn oder das Spielcasino kaum Themen für Dortmunder Theatergruppen sind, ist mir nicht so ganz klar geworden.

Sollte mein Anspruch zu hoch sein? Kohl und Genscher sind natürlich dankbarere Themen, gerade im SPD-Dortmund. Überhaupt sollen NRW's Politik-Größen ja nicht besonders unglücklich darüber sein, daß die Zielscheibe des nationalen Umwelt-, Friedens- und Sozialabbau-Protestes vor anderthalb Jahren den Hausnamen gewechselt hat. Aber ich will nicht rummäkeln. Diese Gedanken fielen mir nur so nebenbei mal ein. Außerdem kann man mir natürlich zu recht vorhalten: "Mach's doch erstmal selber, dann weißt du, wie schwer es ist." Ok, ok! Abgesehen von solchen "Spitzfindigkeiten" bin ich allerdings voll davon überzeugt, daß theaterszenenmäßig in Dortmund ganz schön was los ist. Und das, was ich in letzter Zeit — auch auf dem Festival — gesehen habe, hat mir zum größten Teil außerordentlich gefallen.

Ein Beispiel dafür: Die Neu-Dortmunder "Volle Lotte". Auch bei ihnen natürlich Szenen, die lediglich das al7tbekannte "Birne ist doof" variieren, aber für die gab's - nach meinem Hörempfinden jedenfalls -—- auch weniger Applaus. Die Stärken der drei Männer und zwei Frauen zählenden Truppe liegen in eher leisen und hintergründigen Szenen wie der des Schäferhundebesitzers. Heinz Weißenberg zeigt derart gekonnt, wie eng freundliche Tierliebe und nur mühsam unterdrückter Faschismus im UrDeutschen zusammenliegen, daß es mir einen Schauer den Rücken herunterjagte. Spitzenmäßig auch pantomimische Darstellungen zu den Themen Angst, Leistungsdruck, Streß und Arbeitslosigkeit.

Doch auch zu lachen gab's reichlich im "Paranoiadies", wie "Volle Lotte" ihr Stück nennen. Brigitte Scheros "Frau Pannemann'" zum Beispiel. Mit dieser Szene zauberte sie die leibhaftige Else Stratmann aus dem Radio auf die Bühne. Und natürlich Augustin's Autofahrer-Persiflage. Aber ihr müßt es halt selbst mal sehen. Wenn es ihnen noch gelingt, das Programm so zu straf -fen, daß man auf dem Weg nach Hause noch ins Gedächtnis zurückbekommt, was man eigentlich alles gesehen hat, sind sie aus dem Dortmunder Theaterleben nicht mehr wegzudenken.

Die einzige kleine Enttäuschung des Festivals war für mich - und für viele, mit denen ich gesprochen habe Bernd Witte, die Hand (oder etwa der Fuß?) vom "Hand und Fußtheater". "Literarisch und politisch anspruchsvoll" nannte die Rundschau sein Stück "Don Quichotte's Projekt", das er ohne seine Partnerin Elke auf die Bühne bringt. Politisch anspruchsvoll? Die wenigen Szenen, die auf politische Zusammenhänge anspielten, waren leider häufig von der Qualität eines "Wörner die Stange halten". Literarisch hingegen war Bernd in weiten Strecken seines Stücks ganz zweifellos. Zum Teil dermaßen literarisch, daß ich als Ungebildter auf diesem Gebiet mich oft gefragt habe "Was will er mir eigentlich sagen? Will er mir überhaupt etwas sagen?", Und dann: Mensch Bernd, du bist so ein toller Pantomime. Warum 1äßt du dieses Handwerk eigentlich zur Nebensache, zur unauffälligen Randerscheinung, verkommen? Theater ist doch nicht nur für die Ohren und den Grips, sondern auch für die Augen dar. Und gerade davon gibt's so herzlich wenig, nicht nur in Dortmund.

Einschränkende Nachbemerkung: Ein Freund sagte mir, unsere Enttäuschung hänge wohl auch mit unseren Sehgewohnheiten zusammen. Klar, vom Hand- und Fußtheater habe ich ganz einfach andees erwartet, und auch bei anderen Szenegruppen ist die Art Theater, die Bernd Witte jetzt macht, eben nicht zu finden. Und wenn man jetzt fordert "Mehr Pantomime und weniger Worte", heißt das natürlich, ihn festlegen zu wollen. Eigentlich ist es doch auch sehr lobenswert, daß mal einer versucht, aus gewohnten Bahnen auszubrechen. Vielleicht sollten wir als Zuschauer auch mal aus diesen Bahnen ausbrechen?

Bei diesen zwei Einzelbesprechungen wollen wir es bewenden lassen. Wenden wir uns nochmal dem Festival selber zu. Die Zuschauerresonanz war riesig, zu den 16 Veranstaltungen kamen noch mehr Leute als im vergangenen Jahr. "Ständig vollbesetztes Studio und gutbesuchtes Kleines Haus!" begeisterte sich die Rundschau, die als Mitveranstalter dem ganzen Unternehmen werbungs- und publicitymäßig auf die Beine geholfen hat.

Von dieser erfreulich großen Besu-cherzahl profitierten aber nun nichtetwa die freien Theatergruppen vollund ganz, sondern auch die städtischenBühnen. Jeweils 20 Prozent der Einna-hmen behielten sie gleich in ihrenKassen. Bei 500 Leuten im Studio (bei "Nachtschicht" z.B.) macht das immerhin 800 Mark, und auch ein "vollbesetztes Studio" wirft immerhin noch knapp 200 Mark ab. Und dafür konnten sich die städtischen Bühnen dick als Mitveranstalter auf's Programmheft und Plakate setzen. Doch der schwarze Peter liegt nicht so sehr bei‘ den Leuten vom Theater, sondern in der Verwaltung, wie Kurt Eichler aus der veranstaltenden Theatersektion des Dortmunder Kulturrates dem KK gegenüber betonte. Besonders die Leute aus der Dramaturgie hätten sich für das Gelingen des Festivals "phantastisch eingesetzt". Irgendwelche blöden Verwaltungsvorschriften verlangten aber, die Festivalaufführungen wie stinknormale Fremdveranstaltungen einzustufen. Neben einem Nachlaß um zehn Prozent — normalerweise latzen "Gastgruppen" 30 Prozent für die Benutzung der Bühnenräume - beschränkte sich die Unterstützung der Stadt Dortmund für die hochgelobte freie Theaterszene damit auf ein paar Mark für Videokassetten (Der Kulturrat hat "mit Unterstützung der Stadt Dortmund" alle Veranstaltungen aufgezeichnet, die Kassetten sind demnächst in der Stadtbücherei auszuleihen.). Und das, wo das Profi-Theater von ähnlichen Zuschauerzahlen oft nur träumen kann, und jede Eintrittskarte für Sinfoniekonzert oder Oper somit aus dem Stadtsäckel dicke bezuschußt wird.

Doch nicht nur in Richtung Stadt, sondern auch an den eigenen Kollegen und Kolleginnen hat Kurt Eichler zumindest vorsichtige Kritik angemeldet: In der Organisation des Yestivals hätten sich die einzelnen Gruppen stärker einbringen können, findet er. Die ganze Arbeit habe bei 3-4 Leuten aus dem Kulturrat und bei ein paar von den städtschen Bühnen gelegen. Dabei bestehe der Anspruch, das Festival selbstorganisiert zu veranstalten, und anfangs wurde auch schon mal diskutiert, es ohne die Rundschau-Schützenhilfe durchzuziehen. "Klar, die Gruppen haben einfach zu viel mit sich selber zu tun.", räumt er ein. "Immer weniger Auftritte, häufig nur noch auf Eintritt ohne Festgage. Die äußeren Bedingungen werden halt schlechter." Doch nicht mal während des Festivals gab es ausreichende Kommunikation unter den Gruppen. "Man hatte das Gefühl, das es sich einfach um eine Reihe von Einzelauftritten handelte", so wieder Kurt Eichler. Auch ein Auswertungsgespräch hat bisher Nicht stattgefunden, und so blieb die einzige Bewertung den regelmäßigen RundschauKritiken von Dieter Rosenkranz vorbehalten. Wenigstens gut, daß der - insgesamt - des Lobes voll war.

Petrus

Ausgabe #85
Juli 1984
38 Seiten
Dieser Artikel ist auf Seite 14 bis Seite 15
Wortanzahl: 1418

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