Alternative zu alternativ: 'Klassenjustiz' als Schlichter

In unserer Nachbarstadt gibt's einen Druckladen der nennt sich "alternativ" und heißt "Druckladen'". Interne Reibereien haben dort ihren abenteuerlichen Höhepunkt jetzt vor Gericht gefunden: Ausgelöst wurden die aktuellen Auseinandersetzungen im größten Alternativbetrieb Bochums durch den Wunsch von Mechtild, Gesellschafterin und Mitarbeiterin im "Druckladen", ihre Arbeitszeiten derart zu verlegen, daß sie im laufenden Sommersemester an zwei Uni-Seminaren teilnehmen kann. Nach zweitägigen Diskussionen kam die Mehrheit ihrer Kollegen und Kolleginnen zu dem Ergebnis, daß dies aus arbeitorganisatorischen Gründen nicht möglich sei. Was von Mechtild und Wastl, ihrem einzigen Mitstreiter aus dem "Druckladen"-Kollektiv, bestritten wird. Beide sehen in persönlichen Reibereien und Abneigungen das eigentliche Motiv für den Beschluß der Mehrheit. Was von beidem der Wahrheit näher kommt, sei dahingestellt. Tatsache ist, daß Mechtild am 10.April vor offiziellem Ende ihrer Arbeitszeit den "Druckladen" verließ, um zur Uni zu fahren. Ein Verhalten, über dessen Angemessenheit sich streiten läßt. Ausserhalb jeglicher Diskussion liegt allerdings die Reaktion der Gegenseite: Mechtild erhielt ein Schreiben, unterzeichnet von Kalle, einem der beiden Geschäftsführer des "Druckladen", in dem ihr - man höre und staune - die formelle fristlose Kündigung mitgeteilt wird. Und dies in Formulierungen, die man sich auf der Zunge zergehen lassen kann. Ihren Kollegen Wastl versuchte die Mehrheit des "Druckladen"-Kollektivs mit Hilfe einer Erpressung mundtot zu machen. Man ließ ihn wissen, daß er, sollte er weiterhin das Arbeitsklima mit seiner öffentlichen Kritik an der Kündigung vermiesen, ebenfalls rausflöge. Zwar wurde diese Drohung, trotz weiterer Solidarisierung Wastls mit Mechtild, bisher nicht in die Tat umgesetzt. Doch beschloß die Mehrheitsfraktion stattdessen, ihrem uneinsichtigen Mitarbeiter das Betreten der Druckerei bis auf weiteres zu untersagen.

Und die wackeren Alternativ-Unternehmer genierten sich tatsächlich nicht, dieser Aussperungsmaßnahme durch das Auswechseln der Türschlösser Wirksamkeit zu verleihen. Alle Versuche von Kunden des "Druckladen", Freunde und Bekannten der jeweiligen Parteien sowie Anwälten, eine Eskalation des Konfliktes auf die juristische Ebene zu verhindern, scheiterten an der Sturheit der "Druckladen"-Mehrheit. Diese zeigte sich nicht bereit, die fristlose Kündigung zurückzunehmen, um so den Weg - wie auch immer geartet - für eine außergerichtliche Beilegung des Streites frei zu machen. So kam es zu einem sogenannten "Gütetermin" vor dem Bochumer Arbeitsgericht, zu dem gut zwei Dutzend Zuschauer erschienen. Ihre Symphatien waren eindeutig verteilt: Mitleidiges Gelächter erouteten "Druckladen"-Geschäftsführer Kalle und sein juristischer Beistand, Rechtsanwalt Bassenhof, für ihre plumpen Versuche, aus Mechtild eine Unternehmerin zu machen, die keinen Arbeitnehmerstatus und damit auch kein Recht besitze, gegen ihre Kündigung mit Hilfe des Arbeitsgerichtes vorzugehen.

Beifallsgemurmel dagegen erhob sich, als Rechtsanwalt Dornieden mit aller Entschiedenheit erklärte, daß sich die Alternativbewegung ein Armutszeugnis erster Güte ausstelle, wenn sie zur Regelung, interner Auseinandersetzung die Anrufung bürgerlicher Gerichte nötig hat. Unter den Augen von Arbeitsrichterin Hackmann, die dem ganzen Hin und Her mit wohlwollendem Interesse folgte und selbst Denkanstöße aus dem Publikum zuließ, einigten sich die Parteien schließlich auf einen - wie es im Juristendeutsch heißt - "Teilvergleich". Danach bleiben Mechtild und Wastl weiterhin gekündigt bzw. ausgesperrt, erhalten aber für die kommenden zwei Monate ihren Lohn. Zwischenzeitlich finden außergerichtliche Gesprächsrunden statt, die ‚zu einer "Klärung der Situation" führen sollen. Für den Fall, daß eine Lösung gefunden wird, die eine finanzielle Abfindung von Wastl und Mechtild beinhaltet, werden die für diesen und den nächsten Monat gezahlten Gehälter eingerechnet. Eine wie immer geartete Lösung zeichnete sich bis Redaktionsschluß des KK noch nicht ab.

Es ist ein altes, jedoch mit Vorliebe unter den linken Teppich gekehrtes Problem: So mancher Betrieb, der sich "alternativ" nennt, wird seinem Namen zwar insofern gerecht, als seine Mitarbeiter unterbezahlt, die Arbeitsbedingungen frühkapitalistisch und die hergestellten Dinge von schlechter Qualität sind. Doch geht es um innerbetriebliche Auseinandersetzungen, die Bewältigung von inhaltlichen Konflikten, verquickt gar mit persönlichen Animositäten, dann wird der schnelle Weg zum Gericht dem mühsamen Versuch einer nicht-etablierten Problemlösung vorgezogen, der alternative Anspruch der ansonsten mit Vorliebe als "Klassenjustiz" apostrophierten Gerichtsbarkeit letzten Alternative der Alternative.

Deshalb: Macht dem "Druckladen" Druck Solange jedenfalls, bis eine seinem eigenen alternativen Anspruch gemäße, d.h. auf jeden Fall nicht-juristische Bereinigung des aktuellen Streites gefunden ist, sollte mensch also woanders drucken lassen. Beispielsweise bei Montania, wo auch dieses famose Heft gedruckt wird.

Gabi H.

Ausgabe #85
Juli 1984
38 Seiten
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Wortanzahl: 825

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#Kollektivbetrieb #Alternativwirtschaft

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