Hagen: Friedensbewegung kaputt

Hagen, im Oktober: die Kommandeure der Bundeswehr treffen sich mit Spitzenpolitikern. Sie bereden Detaills der Stationierurıg der neuen Mittelstrecken-Erstschlagswaffen und andere Kriegsvorbereitungen. Der NATO-Doppelbeschluß wird ein gutes Btück vorangebracht. Dies zeigen auch die auf Hochdruck laufenden Arbeiten an den neuen Abschußrampen in der Eifel. Die Friedensbewegung ruft zu einer "Großdemonstration" auf, an der läppische 3000 menschen teilnehmen. Als wäre dies allein nicht deprimierend genug, kommt es auch noch zu einer offenen Spaltung.

Die einzige Konfrontation auf der Demonstration am 16.10. findet zwischen autonomem Block und dem grossen Rest der Demo statt. wie schon so oft, fallen dabei die Ordner der SDAJ und der DKP besonders unangenehm auf. Von Anfang an, bereits beim Formíeren der Demo bilden die maskíerten, behelmten, in Leder gekleideten Autonomen eínen Fremdkörper. Sie verschärfen dieses selbst durch ihr Spítzentransparent (Hängt die Generäle an Laternenpfähle) und ihre Parolen (S. Kasten), wobei der mitgeführte Lautsprecherwagen den eigenen Block meist noch übertönt. Am Sammelplatz drängt sich der autonome Block in die Mitte des Zuges und unmittelbar drängen die bekannten Ordner ihn einige Meter zurück. Angeblich befürchten sie Gewalttaten, obwohl es abgesprochener Konsens ist, daß alle Demonstranten gewaltfrei bleiben. Auch die Autonomen hatten sich dem angeschlossen. Aber auch Mehrzahl der sonstigen Demonstranten hegt angesichts des martialischen Äußeren der Autonomen Befürchtungen. Gleich auf die ersten autonomen Parolen reagieren die älteren DKP/SDAJler mit Aggressionen: der Lautsprecherwagen wird kurz sabotiert, die in Kampfanzügen zur Abschirmung des autonomen Blockes angetretene Polizei gehässig begrüßt, Gegenparolen werden initiiert, in die die Jüngeren verbissen einstimmen. Selbst das gute alte "Hoch die internationale Solidarität" wird niedergeschrien. Und die Autonomen radikalisieren sich: aus der Solidarität wird die internationale Kriminalität und das Kokettieren mit der Guerilla ersetzt in der Parole die letzte Vermittelbarkeit.- Der Star des Tages heißt mit einem Male Christian Klar. Dessen Popularität bei der Bevölkerung dürfte zumindest umstritten sein. Die Demo bleibt bis zum Schluß gespalten. Am Ende distanziert sich der Moderator der Kundgebung – in zugegeben milder Form - sogar noch vorsorglich vom Redebeitrag der Autonomen. Dieser geht dann auf Gesamtzusammenhänge und Repressionen ein, nicht aber auf den Anlaß der Demo (das tat kein Redner!): die Bundeswehrkommandeurstagung ist vollkommen in den Hintergrund gerückt. Daß die Fríedensbewegten (Gewerkschafter, Fríedensfrauen, Krefelder Initiative etc.) sich um Inhalte schwer tun, vor allem, daß die Bundeswehrkommandeure in Hagen unsere Vernichtung und die weitere Unterdrückung der 3. Welt vorantreiben, war uns schon vorher klar. Daß aber die Autonomen vor lauter Globalen und Zusammenhängen die Ungeheuerlichkeit dieser Kommandeurstagung nicht auf den Punkt brachten, mußte auch die Gutwilligen enttäuschen. Auch den zahlreich fotoknipsenden Passanten wird die Demo aufgrund der uniformierten Krieger, Autonomen und Bürgerkriegstruppen der Polizei im Gedächtnis bleiben und nicht wegen irgendwelcher Inhalte. wir wollen von Autonomen und DKP/SDAJlern, den Hauptakteuren des hagener Trauerspieles jetzt nicht hö-ren. was denn die jeweils anderen sich geleistet hätten. Uns ist zum Beispiel völlig egal, ob dieser Ordner den Seitenschneider für das Kabel des Lautsprecherwagens bewußt mitgenommen hat. Uns ist auch völlig egal, ob in der Vorbereitung, der Demo jetzt Freiheit der Parole vereinbart worden ist. Uns geht es um das Wie. wir wollen Fragen stellen:

 

An die Autonomen!
Ihr sagt, Ihr habt Euch vermummt, um nicht fotografiert und verdatet zu werden. Ihr habt auch anklingen lassen, ggfs. angegriffene Genossen schützen zu wollen. In welchem Verhältnis stehen Eure Überlegungen jetzt zum angerichteten Schaden, wir betrachten die Spaltung von Hagen als Schaden für uns alle. Schließlich war die Demo angemeldet, erlaubt und stand unter einem gewaltfreien Konsens aller Gruppen. Seid Ihr nicht der Meinung, daß auf einer gemeinsam getragenen Demo - bei allen Unterschieden - auch Gemeinsamkeiten zum Tragen kommen müssen?Welche Inhalte wolltet Ihr mit Eurer Demoteilnahme vermitteln und wem? Seid Ihr überhaupt der Meinung, daß dem (Normal-)Bürger noch etwas vermittelt werden kann? Und wenn nicht, warum habt Ihr dann mitdemonstriert? Glaubt Ihr, daß Ihr in Hagen über Euer Ghetto hinausgekommen seid? Wäre es angesichts der außerhalb Eures Blockes so einhelligen Stimmung nicht möglich gewesen, auf Eure Uniformen zu verzichten? Oder sollte Militanz Eurer Kleidung die mangelnde Randale ersetzen?

 

An die Friedensbewegten
Ihr habt uns von Eurem Mißtrauen gegen die Autonomen erzählt. Habt Ihr Euch mit ihnen überhaupt schon auseinandergesetzt? Die Autonomen erzählen Euch seit langem schon, daß es nicht reicht, einfach immer mehr zu werden. werdet Ihr das erst einsehen, wenn die neuen Atomraketen stationiert sind und Ihr gefrustet von den ersten, schlecht besuchten gewaltfreien Bleckaden zurück seid? Ein Alt-DKPler, mit dem wir in Hagen sprachen, zitierte den alten Charly als er sagte. Strategie und Taktik, alles eine Frage von Ort, Zeit und Bedingung.

 

Rainer und Peter

 

Ausgabe #66
November 1982
32 Seiten
Dieser Artikel ist auf Seite 20 bis Seite 21
Wortanzahl: 934

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#Friedensbewegung #Autonome

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