Frauen(bewegungslosigkeit?)

GERÜCHTE UND ANZEIGEN VOM LANGSAMN TOD DER AUTONONEN FRAUENBEWEGUNG HAUFEN SIGH:IN VIELEN STADTEN SCHIEBEN FRAUENZENTREN WERDEN FRAUENCAFES UND - KNEIPEN FRUSTRIERT AUFGEGEEEN, DA IMMER WENIGER FRAUEN KOMMEN UND AKTIV WERDEN WOLLEN. - DIE PAROLE "FRAUEN GEMINSAM SIND STARK" SCHEINT SCHON FAST DER VERGANGENHEIT ANZUGEHÖREN. DIE VIELGEPRIESENE "SOLIDARITÄT UNTER FRAUEN" UND DER GEMEINSAME KAMPF GEGEN DAS PATRIARCHAT WIRD VON UNS NICHT SELTEN ERSETZT DURCH INDIVIDUELLE BEFREIUNGSVERSUCHE IN UNSEREN BEZIEHUNGEN UND UNSEREN WEITEREN LEBENS- UND ARBEITSBEREICHEN. - WIR MACHEN ES UNS ABER ZU EINFACH, WENN WIR DER FRAUENBEWEGUNG ALLEINE DIE SCHULD AN IHREN DILEMA ZUSCHIEBEN, WEIL SICHER VIELE VERSCHIEDENE GRÜNDE DABEI EINE ROLLE SPIELEN.

Vor 12 jahren gab es ein ziel, die abschaffung des §218, gegen den alle frauen gemeinsam kämpften. Als der paragraph liberalisiert wurde, fehlte ein neues einheitliches ziel. Kein wunder, daß sich die frauenbewegung daraufhin in die verschiedensten gruppen aufsplittete: selbsterfahrungsgruppen, selbstuntersuchungsgruppen, schwangeren-, stillgruppen, frauenhaus-, notruf-, lesbengruppen und und und... - Bestimmte tendenzen und gruppierungen innerhalb der frauenbewegung sind sehr gefährlich, und diese sind bestimmt die ursache dafür, daß sich viele frauen nicht mehr voll und ganz damit identifizieren (können).

"WEIBLICHE MYTHOLOGIE" SPRENGT UNSERE KETTEN!!??

Mit der mystik und der weiblichen mythologie wird von vielen feministinnen ein ungeheurer kult betrieben. - Das wiederentdecken unserer weiblichen traditionen und unserer von der patriarchalischen geschichtsschreibung geleugneten geschichte ist für unser selbstbewußtsein wichtig, hat aber mit dem hochjubeln von spiritualität und mystik nicht das geringste zu tun. Indem wir den mond, entschuldigung, die mondin anjaulen, ändert sich auf diesem planeten noch lange nichts!!

Aus dem wissen über früher praktizierte fruchtbarkeits- oder menstruationsrituale (wobei noch eine gehörige portion aberglauben drinsteckt) kann ich keine kraft schöpfen, um mich hier und jetzt gegen die HERR-schende unterdrückung zu wehren. Zudem schafft das betreiben mystischer kulte einen neuen (alten?) weiblichkeitswahn, da wir auf unsere geschlechtlichkeit als frau, d.h auf unsere biologischen funktionen festgelegt werden. Gerade mit diesen biologischen funktionen wird unsere gesellschaftliche diskriminierung gerechtfertigt!
Unserem 'weiblichsein' huldigen heißt, daß wir die trennung typisch männlich/typisch weiblich voll geschluckt haben - ganz im sinne des patriarchats, welches die rollenklischees verdammt nötig hat. Deswegen geht es doch darum, MENSCHLICH zu werden!!!

DIE STERNE OFFENBAREN UNSER 'WAHRES ICH' !!??

Auf einer ähnlichen ebene liegt das befragen der sterne, dem sich die meisten frauenbewegten frauen verschrieben haben.Einmal davon abgesehen, daß die astrologie bzw. die horoskoperstellung inzwischen ein lukratives geschäft geworden ist (die kleinanzeigen nicht nur in frauenzeitungen zeugen davon), ist sie ebenfalls ein erschreckendes anzeichen für die entpolitisierung von teilen der frauenbewegung. -

Denn was nützt uns die astrologie, wenn der 3.weltkrieg nicht in den sternen steht?? Alles vom sternzeichen her zu erklären ist sehr einfach, nach dem motto: "ich bin eben steinziege und hab deshalb solche macken." Frau steckt die anderen frauen wieder einmal in eine schublade, und z.t. steckt dahinter auch die auffassung (wie bei unseren großeltern), daß gesellschaftliche zustände naturgegeben und daher nicht veränderbar sind. "Warum soll ich denn überhaupt noch politisch aktiv sein, in den sternen steht doch sowieso, daß die welt bald untergeht?" Damit feministinnen sich ihre zukunft richtig legen können, gibt, es übrigens extra feministische tarot-karten!

WIR SIND DER NABEL DER WELT ??!!

Die intensive, ausschließliche beschäftigung mit dem eigenen körper ist die reinste nabelschau und nicht, wie einige frauen propagieren, ein entscheidender schritt zur selbstverwirklichung oder gar ein akt der befreiung. Eine völlige befreiung von rollenzwängen ist in dieser gesellschaft sowieso illusion. Was hilft uns denn ein neues körperbewußtsein und ein entspannter körper, wenn der umweltdreck uns die luft zum atmen raubt und wir durch chemie und radioaktivität verseucht werden?

Symptomatisch für diesen rückzug in die innerlichkeit sind auch z.t. Die kurse, die in den frauenferienhäusern stattfinden: während die massenhaft angebotenen astrologie-, massage-, spinn- und webkurse gut besucht sind, ist die teilnehmerinnenzahl der kurse mit politischem inhalt:"frauen gegen akw's" z.b. im verhältnis dazu gering von daher ist es auch kein wunder, daß die frauenbewegung sich nicht mehr bewegt (zumindest große teile davon). wir schaffen die ursachen unserer unterdrückung nicht ab, wenn wir uns mit unserer kleinen (schein)idylle zufriedengeben und alles andere uns scheißegal ist. Diese haltung entspricht dem alten motto: 'politik ist männersache'.

Aber wenn wir das politikmachen (im sinne des autonomen politischen kampfes) den linken männern überlassen, brauchen sie ihre mackerstrukturen in linken gruppen z.b. nicht (mehr) zu hinterfragen, und -was am schlimmsten ist - wir sind dann für die herrschenden keine ernstzunehmende gefahr!

KINDERKRIEGEN MACHT FREI!!??

Die noch vor ca. 5 jahren gängige parole "mein bauch gehört mir!" hat inzwischen eine sehr einseitige bedeutung bekommen. Es ging um das selbstbestimmungsrecht über unseren eigenen körper. Jetzt ist, seit 2-3 jahren, ein wahrer baby-boom unter feministinnen ausgebrochen, was bestimmt im zusammenhang mit der propagierten "neuen Weiblichkeit" und der "verbundenheit der frauen mit der natur" steht. - Die 'natürliche geburtenkontrolle'(unter berücksichtigung des mondzyklus?!) war vielleicht auch nicht immer so zuverlässig.

Die behauptete Selbstverwirklichung, der stolz und das erkennen der persönlichen stärke von frauen durch schwangerschaft und geburt ist der alte mütterlichkeitswahn, nur in einem anderen, "feministischen" gewand. Die ansprüche an andere beziehungs- und lebensformen werden oft nach der geburts eines kinds aufgegeben: feministinnen heiraten, leben in einer kleinfamilie und wiederholen genau die alten strukturen, die sie vorher abgelehnt haben.

Der allmähliche rückzug ins familienleben kann dazu führen, daß das kind/die kinder doch wieder einziger lebensinhalt wird und frau ihre eigenen bedürfnisse zurücksteckt. Sind die zeiten vorbei, in denen der gebärstreik als wirksames politisches mittel angesehen wurde, welches alle staatlichen institutionen -langfristig gesehen- lahmlegt?

FRIEDLICH DURCH DEN KRIEGERISCHEN ALLTAG!!??

Die frauenfriedensgruppen,die jetzt überall entstehen, hat die frauenbewegung erstmal wieder aus ihrem selbstgewählten 4-jahreszeitenschlaf gerissen. Es gibt wieder ein eindeutiges ziel: für den frieden und gegen den krieg der männer arbeiten. Daß sich einige friedensfrauen dabei auf ihre mutterinstinkte besinnen, ("wir als mütter können die welt nur retten, da wir unseren kindern das leben schenken"), ist reaktionär, als ob frau nur aufgrund ihrer gebärfähigkeit den frieden herbeisehnt. Im gegensatz zu der §218-kampagne, in der die frauen geschlossen dagegen kämpften, tragen manche friedensgruppen außerdem noch mehr zu der ohnehin schon bestehenden spaltung der frauenbewegung bei: nämlich durch den dogmatismus, den sie bei der sog. "gewaltfrage" an den tag legen.

Das fällt besonders krass bei der "Courage" auf, die ja irgendwie sprachrohr der frauenbewegung ist. "Als frauen verrieten(!) wir unsere anerzogene friedfertigkeit(!)",-wenn wir gewaltausüben würden, kann frau dort staunend oder besser wütend nachlesen (in courage 9/81). Keine rede mehr davon, daß die frauen ja gerade gegen diese ganzen rollenklischees auf die barrikaden gingen. Jetzt auf einmal soll unsere angebliche friedfertigkeit hochgejubelt werden, wo sie doch sonst es den männern erleichterte, uns einzumachen – sie brauchten ja mit keiner (körperlichen) gegenwehr von uns zu rechnen.

Der artikel "zwischen den fronten der vermummten" in der courage l1/81 (über die Rattay-demo in Berlin) hat schon fast bildzeitungsstil erreicht. Da wird gewaltfreier und militanter widerstand gegeneinander ausgespielt, genau das, was politiker und die reaktioräre presse machen. Die militanten demonstranten werden ganz selbstverständlich mit den b.'s gleichgesetzt ("väter und söhne"). Mit der behauptung, daß nur "männliche stoßtrupps" steine schmissen, (was eine glatte lüge ist) und daß militanz und gewalt "vorprogrammierte kampfesrituale der männer" seien, soll uns frauen diese widerstandsform wohl ausgeredet werden?

Die aufspaltung in gewaltfreiheit-weiblich bzw. feministisch und militanz= männlich, die die friedensfrauen so vehement betreiben, ist eh nur -zum glück!- ein wunschtraum. Sie bedauern auch, daß "die gewalt in der frauenbewegung angekommen ist", warum eigentlich? wenn wir alle (wieder) friedenstäubchen waren und unsere aggressivität aufgeben, freuen sich doch nur die herrschenden die uns lieb, sanft und zurückhaltend haben wollen! Wir wollen uns nicht auf irgendwelche alten rollenklischees festlegen und uns die einzig wahre 'feministische' kampfform aufzwingen lassen. Deswegen hängt es von uns ab, ob die spaltung durch die friedensfrauen funtioniert. Unser widerstand - ob gewaltfrei oder militant - muß bunt sein, denn nur in der Vielfalt unserer aktionen setzen wir was in bewegung und werden UNBERECHENBAR!!!!

"DER FRAUENBEWEGUNG WURDE VORGEWORFEN, SIE SEI ZU DRASTISCH, ZU PAUSCHAL, ZU MÄNNERFEINDLICH. SOWOHL AM EINZELBEISPIEL ALS AUCH FÜR DIE DENKRICHTUNG INSGESAMT LÄßT SICH NACHWEISEN, DASS DAS GEGENTEIL ZUTRIFFT: DIE BEWEGUNG UND IHRE ANHÄNGERINNEN KAMEN IN SCHWIERIGKEITEN, WEIL SIE ZU VERSÖHNLICH .WAREN UND MÄNNER ZU SEHR WOLLTEN." (Ch. Benard/E. Sch1affer: Liebesgeschichten aus dem patriarchat)

Ausgabe #59
März 1982
36 Seiten
Dieser Artikel ist auf Seite 4 bis Seite 5
Wortanzahl: 1731

Hashtags
#Feminismus #Hexen #Militanz #Autonome

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